UNFRISIERTE STICHWORTE UND SÄTZE


für das Treffen mit den Lions-Club-Damen und Frau Berg, der Pressesprecherin des Gerhard-Marcks-Museums am 27. 9. 2016

Sie sehen, was Sie sehen, und was Sie sehen, will nicht mehr sein, als Sie sehen.

Herzlich Willkommen im Sperrmüll. Indem Sie hier sind, sind Sie – ob Sie es wollen oder nicht – zum Teil der Installation MARE NOSTRUM geworden.

„Mare Nostrum“ – unser Meer, das Mittelmeer, über Jahrhunderte das Medium zur Kommunikation der Kulturen Asiens, Afrikas und Europas, schickt sich heute an, zum Massengrab zu werden, es bereits zu sein.

Sperrmüll. Sperrige Teile, die nicht mehr gebraucht werden, die entsorgt werden, von der Stadt abgeholt werden, auf Müllhalden entsorgt.

Sperrmüll drängt sich als ein provokantes Synonym für Flüchtlinge auf. 200.000 sind genug. Der Rest ist sperrig, wird nicht gebraucht, gehört nicht zu uns, soll weg, entsorgt werden, abgeschoben.

Das Mare Nostrum übernimmt die erste Selektion, erinnert damit an die Bahnsteige der KZs, an das: links, rechts. Links die Sklaven, rechts der Tod.

„Fremdenzimmer“ könnte „Ein Zimmer für Abdollah…“, der Installation, in der Sie stehen, auch heißen. Abdollah steht für viele Fremde in unserem Land. Abdollah lebt hier in der Gemeinde, hat ein Zimmer im Gemeindehaus. Aber machen ihn das Zimmer mit Wänden, Tür und einem Dach über den Kopf heimisch? Zu einem, der zu uns gehört? Oder einsam?

Das „Zimmer für Abdollah…“ hat keine Wände, keine Tür, kein Dach. Die Installation ist kein politisches Mahnmal, kein programmatisches Denkmal – vielleicht ist es ein Fragmal ohne Antwort. Die Antwort liegt bei Ihnen, bei uns – im Dialog.

Mein Kunstbegriff ist der Vorgang, der Prozess, nicht das Ergebnis, das fertige Produkt. Es geht mir um die Ästhetik der Transformation. Der Ausgangspunkt ist das Thema „Innen/Außen“, hier bezogen auf „Migration“. Auf der Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten begegnen mir Materialien. Der Zufall spielt dabei eine Rolle, im Sinne von, es fällt einem zu. Da ich zum größten Teil mit ausgemusterten, geldwertlosen Alltagsgegenständen arbeite, bedeutet das Kommunikation – so geldwertlos die Dinge sind, meist gehören sie jemanden. Hier waren es ein Tisch und zwei Stühle als eine fast archaische Metapher für Kommunikation, für das: sich zusammensetzen. Sie standen auf der Wiese. Ein paar Tage später hatte sich jemand damit auseinandergesetzt: Tisch und Stühle lagen in ihren Einzelteilen auf der Wiese. Tisch und Stühle auf einer öffentlich zugänglichen Wiese, das war diesem jemand fremd, das gehörte hier nicht her. Ich verstand das nicht als Zerstörung oder Vandalismus, sondern als Reaktion, als Angebot zum Dialog. Kein Dialog über Besitzverhältnisse, sondern ein ästhetischer Dialog. Ich machte mit der Farbe Weiss die Zerlegung sichtbar als Skulptur, die ich „Dialog“ nannte.

Als die zum zweiten Mal zerlegt wurde, fragte der Weser-Report „Ist das Kunst oder kann das weg?“. Ich beantworte die anregende Frage mit der Skulptur „Aufenthalt“, die aus den Teilen des zerlegten „Dialogs“ entstand. Ein Koffer kam hinzu und eine Modellpuppe als Geste „Mensch“. Der Vorgang konkretisierte sich. Das Tuch verhüllt und erinnerte mich zugleich an die Höhle, die wir uns als Kinder bauten, indem wir große Decken und Tücher über den Tisch legten, die an den Seiten bis zum Boden herunter hingen und in der wir uns geborgen fühlten.

Stetige Transformation als Prozess, als Kunst, die Bewegung bewegt mich. Menschen nehmen Einfluss, werden Teil der Installation, das Wetter bewirkt Veränderung, Zerfall aus dem Neues entstehen kann. Man muss sich nur darauf einlassen – oder eben nicht.

Die Polizei kam, gerufen vom Restaurant hier gegenüber, als unser Abdollah den Kafka-Satz von den Wegen, die entstehen, indem man sie geht, in Farsi auf den Bürgersteig schrieb. Als ich zu den interessierten Polizisten sagte, das tritt sich weg und der Regen besorgt den Rest, ließen sie uns gewähren: Haben sich darauf eingelassen. Schön. Natürlich hatten wir Sorge, ja vielleicht auch Angst vor der Ordnungsmacht. Wir haben die Angst transformiert in ein nächtliches Fest mit Wein und Pizza, die uns Loghman ein Freund von Abdollah, ein Bäcker wie er, zubereitete.

In all den Teilen, die da jetzt auf der Wiese stehen, hält sich eine sehr persönliche Geschichte auf, die zum Teil der Installation wird, wie Sie jetzt. Das alles ist zwar sehr flüchtig, aber doch da.

Mein Kunstbegriff ist ästhetische Störung des Gewohnten mit den Mitteln des Gewohnten. Das erzeugt Fremdheit. Fremdheit erzeugt Reibung. Reibung ist Bewegung. Bewegung ist Transformation. Transformation macht Manchem Angst.

Ein solcher Kunstbegriff ist den Erfahrungen des Flüchtlings in seiner Fremdheit nicht fern. Der Erfolg der Störung ist eine Frage der Ästhetik, – der Übersetzung.